Schon wieder hat jemand den Ball verloren – Tonio Schachinger: Nicht wie ihr

Der Held in Schachingers Debütroman ist der siebenundzwanzigjährige Profifussballer Ivo. Er kann mit Freunden über Frauen reden, nicht aber über die Gefühle, die ihn beschäftigen. Nicht über das Gefühl, das Mirna in ihm ausgelöst hat, als er sie kürzlich aus dem bequemen Innern seines Bugatti heraus am Eingang eines Einkaufszentrums stehen sah. Das plötzliche Erscheinen seiner Jugendliebe überschwemmt Ivo mit Gefühlen, die er zuerst einordnen muss. Kommt er mit ihnen zurecht?

In meiner Jugend – ich bin eine Dekade jünger als Ivo – hatte ich einen Freund, der hat sich an den Samstagen zwanghaft auf den Straßenstrichen anonymer Großstädte herumgetrieben. Samstagabend Sexarbeiterin, Sonntagnachmittag Besuch bei seiner Seelenverwandten. Was ihn dazu antreibe, seine Freundin ständig zu hintergehen, fragte ich ihn. Seine Antwort: Er liebe seine Freundin mehr als alles andere. Doch nur so könne er sich sicher sein, seine Liebste betrogen zu haben, bevor sie ihm das zufügen konnte.

Ivo geht auch fremd. Und dies, obwohl bei ihm Respekt, Fussball und Familie den absoluten Vorrang haben. Den Respekt holt sich Ivo mühelos auf dem Fußballfeld. Er kam direkt aus dem „Käfig“, einem der mit Maschendrahtzaun eingefassten Fußballfelder in den Quartieren Wiens. Er begann in Basel, lernte dort seine spätere Frau Jessy kennen, mit zwanzig hatte er einen Vertrag bei Chelsea, nun spielt er für Everton. Die entscheidende Qualität eines Weltklassefußballers bestehe darin – davon ist er überzeugt –, ein langweiliger Mensch zu sein. Nur langweilige Menschen schaffen es, sich auf das absolut Notwendige zu konzentrieren. Klar, man muss auch eine Red-Bull-Dose vom anderen Ende des Fußballfeldes von einem Zaun herunterschießen können. Das beherrschte Ivo aber immer schon. Er ist locker. „Das wirft man ihm ja auch vor, dass er alles aus dem Handgelenk schüttelt, die Pässe, die Ideen, das, was er sagt.“

Alles andere als aus dem Handgelenk geschüttelt ist Schachingers Prosa. Sie zeichnet weit ausgreifend und österreichisch saftsaugend einen tief gespaltenen Helden. Die Sprache des schwerreichen Fußballspielers bosnischer Herkunft ist die Sprache des „Käfigs“. (Deren Einfluss schlägt sich gar in Ivos englischer Syntax nieder: „I would not like to go into the hospital yesterday.“) Ein auf alle Situationen anpassbares „Oida!“ gehört noch zu den unverfänglicheren Ausdrücken in seinem Aktivwortschatz. Ivos perfekt eingefangene Sprache steht in strengem Widerspruch zur Wiedergabe seiner Gedanken. Diese werden fein ziseliert von einem Erzähler in der dritten Person vor seiner Leserschaft ausgebreitet. Schachinger verbindet die Schilderungen seines Erzählers mit dem brutalen Soziolekt des Protagonisten und spinnt daraus unter dem Eindruck eines fernen Echos von Motorenlärm teurer Autos, dem erzürnten Geschrei von Jessy und dem dumpfen Toben ekstatischer Zuschauermengen das feine Geflecht einer sich langsam entwickelnden, in sich geschlossenen Erzählung.

Schachingers Werk ist ein Entwicklungsroman mit einem Protagonisten, der Entwicklungen nur in Sprüngen vollziehen kann. („Ivo ist kein Fan von Entwicklung.“) Die zelebrierte Nonchalance des Helden gerät unter Druck, seinen Respekt, seinen Fußball und seine Familie verliert er aus den Augen. Er fühlt sich zu Mirna hingezogen, seiner Liebe aus Wiener Tagen. Seine auf Leistung getrimmtes Leben wird gestört von seiner Einsamkeit, seiner Wut über mangelnden Fortschritt in seinem Leben, einem plötzlichen Nachdenken über den Tod. Ivos Gedanken schweifen, gehen aber immer in die Tiefe, werden von Schachingers Erzähler kanalisiert. Sie drehen sich um einen Gegenstand, nähern sich ihm mit zum Selbstschutz aufgebauten Dogmen und verweilen lange bei ihm, bis sich neue Ideen in Kaskaden Bahn brechen, bis es „klick“ macht. Ivo trifft Mirna dreimal („Ich fick jetzt deine Fut. Ich fick dich, wie dus brauchst.“) und trennt sich in einem spektakulären Streit von ihr. Es hat „klick“ gemacht.

Das Thema des Buches ist die Veränderung. Das Resultat der Veränderung ist Liebe, das Mittel zur Initialzündung des Wandels ist die Wut: „Wenn Ivo wütend wäre, dann würde es zumindest heißen, dass er die Welt verändern will […]“ Irgendwann ist Ivo wütend, doch die Welt verändern kann er nicht. Er entdeckt aber, dass er sich selbst verändern kann. Ausgangspunkt für seine Metamorphose ist die Erkenntnis, dass er bisher nur für sich selber gelebt hat, nicht für die wenigen Leute um ihn herum. Schachingers Figur findet deshalb so schnell zu dieser Erkenntnis, weil sie sich in einem Mikrokosmos bewegt, in dem Spiele, Verträge und Transferverhandlungen so nahe beieinander liegen, dass sie für den schnell alternden Sportler als Katalysatoren wirken: „Fußballer sind mit 27 an dem gleichen Punkt im Leben, den normale Menschen mit 45 erreichen, wo man zu jung ist, um keine Träume mehr zu haben und zu alt, um sie noch verwirklichen zu können.“

Die Kulisse zu Schachingers Roman ist die Fussballwelt. Der Erzähler lebt in ihr auf. Fassaden werden eingerissen, Klischees bestätigt, Clubs bekommen ihr Fett weg („Hamburg ist wie ein Kind von reichen Eltern, das nie etwas leisten musste.“) Das ist alles beste Unterhaltung. Nervig ist da nur das ständige Namedropping von Coaches und Präsidenten und Spielern. (Eine kleine Sammlung: Alaba, Alba, Ancelotti, Anelka, Arnautović, Asamoah, Avdijaj, Boateng, Calmund, Cannavaro, Casillas, Constantini, Cruyff, Drogba, Dybala, Džeko, Eckstein, Essien, Falcao, van Gaal, Gerrard, Goretzka, Hackmair, Happel, Higuaín, Ibrahimović, Kompany, Krankel, Kühbauer, Lampard, Lewandowski, Lukakus, Maierhofer, Malouda, Márquez, Mayer, Messi, Müller, Nainggolan, Neuer, Nouri, Okocha, Oscar, Panenka, Paulinho, Payet, van Persie, Polster, Quaresma, Roberto Carlos, Ronaldo, de Rossi, Scharner, Schinkels, Schmidt, Selke, el Shaarawy, Strootman, Tajouri, Tévez, van der Vaart, Villas-Boas, Wagner, Werner, Xhaka). Einen Vorteil hat diese Sammlung illustrer Namen aber: Schachingers Roman wird so auch einer über Fußball. Ein sehr guter noch dazu.

Mein Freund aus Jugendtagen ist inzwischen verheiratet und glücklich. Fremde Frauen sucht er nur noch selten auf. Das Buch werde ich ihm dennoch schenken.

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