Feste Nahrung fürs Gewissen – Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Jenseits des österreichischen Nirgendwo liegt, auf seine Vertilgung durch ein Erdloch unbekannter Größe wartend, Groß-Einleben. Es ist die Kulisse zu einem Schauspiel um eine Gesellschaft, deren einzige Anstrengung die Bewahrung des kollektiven Glaubens an die eigene moralische Unversehrtheit zu sein scheint. In ihrem Roman vermisst Raphaela Edelbauer die Aktualität und den Sinn heimatfühliger Identitätsversprechen.

Werbeanzeigen

Schon wieder hat jemand den Ball verloren – Tonio Schachinger: Nicht wie ihr

Der Held in Schachingers Debütroman ist der siebenundzwanzigjährige Profifussballer Ivo. Er kann mit Freunden über Frauen reden, nicht aber über die Gefühle, die ihn beschäftigen. Nicht über das Gefühl, das Mirna in ihm ausgelöst hat, als er sie kürzlich aus dem bequemen Innern seines Bugatti heraus am Eingang eines Einkaufszentrums stehen sah. Das plötzliche Erscheinen seiner Jugendliebe überschwemmt Ivo mit Gefühlen, die er zuerst einordnen muss. Kommt er mit ihnen zurecht?

Polterabend – Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Im Mittelpunkt von Miku Sophie Kühmels Debütroman Kintsugi stehen vier Menschen: Max und Reik, ein schwules Pärchen, sowie Tonio und Pega, Vater und Tochter. Die vier treffen sich für ein Wochenende in dem Ferienhaus von Max und Reik, sie haben eingeladen. Die Handlung ist geprägt von Wechseln zwischen kürzeren dramatischen Szenen und längeren Ich-Erzählsträngen der einzelnen Protagonisten: zuerst Max, dann Reik, Tonio und abschließend Pega. Für die Autorin hätte das Debüt wohl kaum besser ausfallen können, immerhin hat sie es mit ihrem Roman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis 2019 geschafft. Aber warum eigentlich?

Als der Frieden nur im Bienenstock zu finden war – Norbert Scheuer: Winterbienen

Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus ist in der deutschsprachigen Literatur seit jeher ein kontroverses und polarisierendes Thema. Wie lässt sich umgehen mit den Gräueltaten, den einsamen Tiefpunkten von Barbarei und Terror, dem unermesslichen Leid, der Frage von Schuld und Verantwortung, der bisweilen verschwimmenden Grenze von Täter- und Opferrolle? Und wie schließlich kann es gelingen, die Banalität des Alltags dieser Zeit literarisch, und damit künstlerisch zu durchformen? Norbert Scheuer entwirft in Winterbienen in stillen, unaufgeregten, bisweilen lakonischen Tönen Antworten auf diese Fragen und legt nebenbei einen der modernsten und einnehmendsten Romane der Gegenwartsliteratur vor.

Graustufen – Jackie Thomae: Brüder

Ein Vater, zwei Söhne und viele Welten. Thomaes Roman verhandelt überzeugend, wie vielseitig sich das Leben denken und führen lässt und wie eng individuelle Konflikte trotzdem beieinander liegen können. Im Kern handelt der Text von zwei Männern mit ihren unter-schiedlichen Lebensentwürfen. Die beiden verbindet jedoch nur, dass sie denselben afrikanischen Vater haben, der während seines Studiums in der DDR kurzweilig eine Beziehung zu zwei Frauen geführt hatte. Die Brüder Mick und Gabriel wissen nichts voneinander und kennen ihren Vater bis zum Ende der Erzählung genauso wenig. Das Einzige, das er ihnen zunächst hinterlassen hat, ist seine Hautfarbe, die nicht nur bei den im Roman auftretenden Frauen für Begeisterung sorgt, sondern auch im Feuilleton.

Drache vs. Großmutter – Saša Stanišić: Herkunft

Wovon handelt ‚Herkunft‘? Von gestern, heute und morgen. Vom Erzählen an Aral-Tankstellen und dem Weissagen aus Nierenbohnen. Von Krieg und Flucht, Friedhöfen und Gräbern, aber auch von der Unbeschwertheit und dem Übermut, den es braucht, um mit freiem Oberkörper lauthals Eichendorff zu rezitieren. Aberwitz und Melancholie sind in fast allen Episoden miteinander vermengt, wobei mal das eine, mal das andere vorherrscht. Das Buch ist von einer sinnlichen und gedanklichen Fülle, an der man sich berauschen kann. Es macht glücklich und tieftraurig.

Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt – Sibylle Lewitscharoff: Von oben

Der Himmel über Berlin ist der Aufenthaltsort des Helden in Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman. Ein unsichtbarer Geist schwebt über der Stadt und sucht die Menschen und Schauplätze auf, die ihm zu Lebzeiten etwas bedeutet haben. Kein Tunnel und kein gleißendes Licht erscheinen dem Verstorbenen. Auch für die Toten gibt es weder Gewissheit noch Ruhe.

Danke Merkel – Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

In seinem neuen Roman erteilt F. C. Delius einem abgehalfterten Wirtschafts-Journalisten mit dem bedeutungsvollen Spitznamen Kassandra das Wort. Ein Tagebuch erscheint ihm als das angemessene Format für seinen Frontalangriff auf die Politik der Ära Merkel. Dabei erinnert er an die alte Weisheit ‚it’s the economy, stupid‘ und warnt eindringlich vor der drohenden ökonomischen Übernahme durch die Chinesen. Im Gegensatz zu Europa verfolge die Volksrepublik eine langfristige Strategie, als deren Ziel der Sieg im Kampf der politischen Systeme erstrebt werde. Die Horrorvision einer ökonomischen Invasion auf Rügen wird zum Antrieb für seine Suada.

Dieses Dorf ist die Hölle selbst – Karen Köhler: Miroloi

Karen Köhlers erster Roman ist das umstrittenste Buch der Saison. Auf der einen Seite wird es vom Verlag als Spitzentitel des Herbstes beworben, wird Twitter überschwemmt von einer Begeisterungsflut glücklicher Leserinnen, die das feministische Buch der Stunde feiern. Auf der anderen Seite steht die Kritik von Jan Drees, der damit eine literaturkritische Generaldebatte auslöste. Drees hält ‚Miroloi‘ für einen banalen Jugendroman, der das Versagen des vor ihm niederknienden Feuilletons beweise. Beide Seiten haben unrecht.